Dienstag, März 17, 2026

Ein Toast auf die Wikipedia!

Original Wiener Schneekugel mit Wikipedia Puzzle Ball

Gestern hatte ich die große Ehre, anlässlich des 25. Geburtstags der deutschsprachigen Wikipedia einen kurzen 'Toast' bei der Geburtstagsfeier von Wikimedia Österreich zu halten. Im folgenden meine Notizen, gesprochen klang das natürlich anders.

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Zum Einstieg ich möchte noch einmal herholen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in einer Welt mit Wikipedia leben. Wir leben ziemlich sicher nicht in der besten aller Welten, aber Wikipedia ist auch der Beweis, dass wir auch nicht in der schlechtesten aller Welten leben.

Als wichtigste, globale Wissensressource unserer Zeit ist die Wikipedia nicht nur in über 300 Sprachversionen verfügbar, sie ist werbefrei, läuft auf freier Software, nutzt offene Standards und ist unter freien Lizenzen verfügbar.

Wie geil ist das bitte?

Jubiläumswein "In Wiki veritas"

Und es ist ja nicht so, als hätte es in der Geschichte der Wikipedia nicht Versuche gegeben, an deren Thron als wichtigste und vertrauenswürdigste Wissensquelle zu rütteln. Erinnert sich zum Beispiel noch jemand hier an “Google Knol”? Gestartet 2008, eingestellt 2012? Schauen wir Mal, wie lange Grokipedia sich halten kann.

In anderen Kontexten würde ich jetzt lang und breit erklären, warum Wikipedia noch viel wichtiger und relevanter für unser Weltwissen, für Suchmaschinen und für KI-Trainings ist, als den allermeisten Leuten bewusst ist. Das muss ich hier, in dieser Runde nicht tun.

Gerade in dieser Runde möchte ich aber, als jemand, der sich selbst nicht als Wikipedianer bezeichnen würde, doppelt und dreifach unterstreichen, dass Wiki-Technologien und freie Lizenzen zwar notwendig, aber nicht hinreichend für Bedeutung und Erfolg der Wikipedia sind.

Vielmehr braucht es dafür auch - wenn nicht sogar ganz besonders - im KI-Zeitalter genügend motivierte Wikipedianer:innen, die einen ständig wachsenden Artikelbestand pflegen. Und was zeichnet Wikipedianer:innen aus? 

Fleiß: Wikipedia zu editieren wird oft und auch im Wikipedia-Kontext als Freiwilligenarbeit bezeichnet, und nicht als Freiwilligenvergnügen oder Freiwilligengaudi. Ganz besonders gilt das, wenn Wikipedianer:innen mit Institutionen außerhalb der Wikisphäre kooperieren, wie es gerade die österreichische Wikipedia-Community mit ihrer Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt wegweisend vorexerziert hat. Aber genau davon braucht es noch viel mehr, und als ORF Stiftungsrat hoffe ich, dass auch der ORF irgendwann zum Kreis der Beitragenden zählen wird.

Uneitelkeit: Natürlich gibt es auch hier, in der österreichischen Community, sowas wie Star-Editor:innen. Im Vorfeld habe ich sogar gelernt, dass zwei von drei der Editor:innen mit den meisten Edits in der deutschsprachigen Wikipedia aus Österreich sind. Aber für die Welt da draußen, die sich kaum je auf eine Diskussionsseite, geschweige denn die Bearbeitungsgeschichte verirrt, ist die Wikipedia das Ergebnis einer völlig namenlosen Crowd. Wer für Einsatz und Engagement also Ruhm- und Ehre sucht, für den ist die Wikipedia sicher der falsche Ort.

Integrität: Wikipedianer:innen wissen nicht mehr als andere, können sich in ihren Artikeln nur auf zugängliche Quellen stützen, aber was sie im Großen und Ganzen eint und auszeichnet, ist ein ehrliches Interesse an Wahrheitsfindung. Genau deshalb machen sich Wikipedianer:innen selbst oft das Leben schwer, genau deshalb kommt es zu teilweise kuriosen und jahrelangen Auseinandersetzung - Stichwort: Donauturm ein Fernsehturm? -, aber genau deshalb haben es Manipulationsversuche, Werbung und Desinformation so schwer. 

Apropos Desinformation: wer heute über die Wikipedia und ihre Community spricht, kann zum Thema Demokratie nicht schweigen. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Demokratie unter Druck ist, dass gerade digitale Öffentlichkeit auf kommerziellen, im doppelten Sinne käuflichen Plattformen bisweilen demokratiegefährde Folgen zeitigt.

Jetzt ist die Wikipedia keine Demokratie: über Wissen lässt sich nicht abstimmen, die meisten Artikel haben nur wenige Autor:innen, die meiste Arbeit wird alleine vor dem Bildschirm erledigt, nur im Ausnahmefall kommt es zu mehrheitsorientierter Entscheidungsfindung irgendwo zwischen Diskussion und Abstimmung.

Trotzdem ist die Wikipedia demokratisch: Demokratie ist und war immer schon mehr als Wahlen. Demokratie ist immer auch demokratischer Diskurs, demokratische Öffentlichkeit, demokratische Meinungsbildung im zivilisierte Austausch miteinander.

Und genau das, der zivilisierte Austausch miteinander, Deliberation steht im Zentrum der Wikipedia, sie zwingt zum Kompromiss, weil es zu jedem Thema nur genau einen Artikel gibt, und ist damit sowohl im Prozess als auch im Ergebnis das radikale Gegenprogramm zu den dominanten, proprietären Kommerzplattformen.

Und diese, die demokratiefördernde Rolle der Wikipedia, war in ihrer 25jährigen Geschichte wahrscheinlich nie wichtiger als hier und heute. 

In diesem Sinne möchte ich mich anlässlich des Geburtstags nicht nur bei den hier anwesenden, sondern allen Wikipedianer:innen für ihr Engagement, ihren Fleiß, ihre Uneitelkeit und ihre Integrität bedanken. 

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