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Montag, Oktober 12, 2026

Halbvorstellung (4): "Der Rückfall" von Philipp Ruch

In der Serie Halbvorstellung geht es um Bücher, die in mancher hinsicht lesenswert sind, denen aber auf halber Strecke die Luft ausgeht oder die, wie in diesem Fall, unvollendet bleiben.

Lange nicht hat mich ein Sachbuch so gefesselt und zum Nachdenken gebracht, wie Philipp Ruchs "Der Rückfall". Wegen des Eindrucks, letztlich doch nur den ersten von zwei Bänden gelesen zu haben, reichte es aber trotzdem nur für eine “Halbvorstellung”. 

Das zentrale Thema dieses Bands ist die Frage, wie die NSDAP den Aufstieg von der unbedeutenden Splitterpartei mit gerade einmal 2,6% (12 Sitze) im Mai 1928 zur zweitgrößten Partei im Reichstag mit 18,3% und 107 Sitzen geschafft hat. 

Diese Frage ist deshalb so entscheidend, weil dieser von Ruch als "Machtschock" bezeichnete Überraschungserfolg vieles erklären kann, was danach kam. Der Wahlerfolg als performative, sich selbst nährende Erfolgs- und Normalisierungsgeschichte nach dem Motto: wer in einer Demokratie Wahlen gewinnt, muss irgendwomit auch Recht haben. 

Spätestens hier wird auch klar, warum diese Frage und das Buch für unsere heutige Zeit so spannend sind. Denn elektoraler Erfolg rechtsextremer Bewegungen ist auch vor einer etwaigen Machtbeteiligung oder -übernahme folgenreich - von meinungsbildenden Leitartikeln über Parteiprogramme von politische Mitbewerbern bis hin zu tatsächlichem Regierungshandeln.

Umso wichtiger also die Frage, was zu dieser Verneunfachung des NSDAP-Wahlergebnisses geführt hat. Und die besten Passagen des Buches sind jene, in denen Ruch eine Erklärung nach der anderen zerpflückt. War es die Weltwirtschaftskrise? Nein, die wurde in Deutschland erst später spürbar. War es der überlegene Propaganda-Apparat von Goebbels? Nein, dessen Zeitungen und Kanäle hatten nicht einmal annähernd die notwendige Reichweite. Waren es die Neu- und Jungwähler:innen? Nein, wo die besonders zahlreich waren, schnitt die NSDAP unterdurchschnittlich ab. War es die Person Hitlers? Nein, der trat im Wahljahr kaum auf. Waren es die SA und die motivierten Parteimitglieder? Nein, auch hier keine Korrelation mit dem Wahlergebnis und viel zu geringe Reichweite.

Was war es aber dann? Dafür finden sich im Buch zwar Anhaltspunkte, aber Ruch wagt es nicht, sie zu einer erklärenden Erzählung zu verbinden. Stattdessen endet das Buch mit der Erkenntnis, dass wir  nicht wissen, wie es zu diesem wundersamen Aufstieg binnen so kurzer Zeit kam. Dieses Nichtwissen überzeugend gezeigt, ja vorgeführt zu haben, ist mit Sicherheit das sokratische Verdienst dieses Buchs.

Freitag, August 26, 2011

Dirk von Gehlens "Mashup"


als "jetzt" noch jeden montag in gedruckter form als beilage in der Süddeutschen Zeitung erschien, hatte ich ein sogenanntes montags-abo, bekam also nur die montagsausgabe der SZ nach österreich geschickt. überlebt hat vom besten jungen magazin aller zeiten nur die webpräsenz jetzt.de. deren chefredakteur Dirk von Gehlen hat nun kürzlich bei suhrkamp sein buch "Mashup: Lob der Kopie" veröffentlicht. und nachdem ich derzeit ja gerade am WZB zum eng verwandten thema der "public domain" forsche, habe ich mir das werk gleich mal zu gemüte geführt.

und das buch macht seinem titel alle ehre, es ist selbst ein lesenswerter mashup, fast schon eine collage aus erkenntnissen, anekdoten, zitaten und interviews von und mit menschen, die sich mit dem thema kopieren als digitale kulturtechnik beschäftigen. und während im englischen sprachraum bereits eine reihe von lesenswerten büchern zu diesem thema, allen voran von Lawrence Lessig, erschienen sind, ist vergleichbares auf deutsch immer noch mangelware.

soweit, so gut. zwei dinge fand ich bei der lektüre aber dennoch schade. erstens, bei allem "Lob der Kopie", bemüht sich von Gehlen an mehreren stellen zu betonen, dass es ihm um das "kreative Kopieren", und nicht darum gehe, "dem Bruch des Urheberrechts das Wort zu reden" (S. 15). von Gehlen lobt den "schöpferischen Wert des Kopierens", möchte damit aber "keineswegs Urheberrechtsverletzungen rechtfertigen" (S. 13).