Montag, November 02, 2026

Halbvorstellung (5): "Faschisierung" von Simon Strick

In der Serie Halbvorstellung geht es um Bücher, die prinzipiell lesenswert sind, denen aber auf halber Strecke die Luft ausgeht oder die, wie in diesem Fall, nur eine Seite einer Medaille ausleuchten.

Simon Strick hat mit "Faschisierung: Fluchtlinie des Digitalen" ein lesenswertes Buch geschrieben. Vorneweg deshalb drei Punkte, die mir beim Lesen besonders gefallen haben - was teilweise auch daran liegt, dass es mich eigene Gedanken, Texte und Vorträge noch einmal neu betrachten lässt:

  • Die titelgebende Abkehr von der Frage, ob etwas Faschismus oder jemand faschistisch ist, hin zur Identifikation faschisierender Prozesse und Muster, Praktiken und Diskurse, scheint mir besonders hilfreich. Als Faschisierung bezeichnet Strick das kollektive Einüben und Normalisieren von u.a. gruppenbezogener Diskriminierung und Abwertung, radikalisierten Antagonismen, populistische Verkürzung, Lust an Phantasma und Phantombesitz bis hin zu Einrechnen oder Andeutung von Gewalt, an dessen Ende Ausschluss bis Vernichtung von 'Anderen' steht. Dieser Perspektivwechsel erlaubt Faschisierung als etwas zu erkennen, das längst da, schon lange beobachtbar und konkret identifizierbar ist. Rückblickend war genau das die Perspektive, die Nadia Zaboura und ich in unserem diesjährigen re:publica-Vortrag über "Ganz normale Medien und ihren Beitrag zum Comeback des Faschismus" eingenommen haben. Hätte ich das Buch vorher schon gelesen, wir hätten das wahrscheinlich noch besser verstanden und expliziter machen können.
  • Strick arbeitet mit Walter Benjamin heraus, dass und wie Faschismus "auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens" hinausläuft (S. 39). Im Zusammenspiel mit Digitalisierung der Öffentlichkeit passiert Faschisierung u.a. in Form von neuen kulturellen Genres, Mustern des Sprechens und Empfindens sowie memetischen Prozessen. Gerade diesen Fokus auf Memes als neue digitale Volks- und Mainstreamkultur einer von Reaction-Content geprägten digital-öffentlichen Sphäre finde ich zentral, weil er an Hand von sehr eindrücklichen Beispielen (z.B. 'Chickens for KFC') dokumentiert, wie kollektiv-partizipative Gestaltungsprozesse exkludierende Propaganda bis hin zu Eliminationsfantasien anschlussfähig an Mainstream-Diskurse machen und gleichzeitig energetisierend und mobilisierend wirken. (Zum Aspekt des lustvoll-spielerischen der politischen Meme-Kultur habe ich vor längerem gemeinsam mit Jens Seiffert-Brockmann und Trevor Diehl einen Beitrag mit dem Titel "Memes as Games" veröffentlicht.)
  • Aus beidem folgt, dass Faschisierung eben kontinuierlich befördert wird durch digitale Kommunikationsinfrastrukturen, die - auch das zeigt Strick eindrücklich - eben keine irgendwie 'neutrale' Plattform sondern eine schiefe Ebene in Richtung Faschisierung darstellen. Und zwar durch ganz grundlegende Digitalisierungsaspekte wie Community- (die ja immer auf Ausschlüssen und oft auf Wir-gegen-die-Anderen-Dynamiken beruhen) und Reaction-Logiken.