In der Serie Halbvorstellung geht es um Bücher, die in mancher hinsicht lesenswert sind, denen aber auf halber Strecke die Luft ausgeht oder die, wie in diesem Fall, unvollendet bleiben.
Lange nicht hat mich ein Sachbuch so gefesselt und zum Nachdenken gebracht, wie Philipp Ruchs "Der Rückfall". Wegen des Eindrucks, letztlich doch nur den ersten von zwei Bänden gelesen zu haben, reichte es aber trotzdem nur für eine “Halbvorstellung”.
Das zentrale Thema dieses Bands ist die Frage, wie die NSDAP den Aufstieg von der unbedeutenden Splitterpartei mit gerade einmal 2,6% (12 Sitze) im Mai 1928 zur zweitgrößten Partei im Reichstag mit 18,3% und 107 Sitzen geschafft hat.Diese Frage ist deshalb so entscheidend, weil dieser von Ruch als "Machtschock" bezeichnete Überraschungserfolg vieles erklären kann, was danach kam. Der Wahlerfolg als performative, sich selbst nährende Erfolgs- und Normalisierungsgeschichte nach dem Motto: wer in einer Demokratie Wahlen gewinnt, muss irgendwomit auch Recht haben.
Spätestens hier wird auch klar, warum diese Frage und das Buch für unsere heutige Zeit so spannend sind. Denn elektoraler Erfolg rechtsextremer Bewegungen ist auch vor einer etwaigen Machtbeteiligung oder -übernahme folgenreich - von meinungsbildenden Leitartikeln über Parteiprogramme von politische Mitbewerbern bis hin zu tatsächlichem Regierungshandeln.
Umso wichtiger also die Frage, was zu dieser Verneunfachung des NSDAP-Wahlergebnisses geführt hat. Und die besten Passagen des Buches sind jene, in denen Ruch eine Erklärung nach der anderen zerpflückt. War es die Weltwirtschaftskrise? Nein, die wurde in Deutschland erst später spürbar. War es der überlegene Propaganda-Apparat von Goebbels? Nein, dessen Zeitungen und Kanäle hatten nicht einmal annähernd die notwendige Reichweite. Waren es die Neu- und Jungwähler:innen? Nein, wo die besonders zahlreich waren, schnitt die NSDAP unterdurchschnittlich ab. War es die Person Hitlers? Nein, der trat im Wahljahr kaum auf. Waren es die SA und die motivierten Parteimitglieder? Nein, auch hier keine Korrelation mit dem Wahlergebnis und viel zu geringe Reichweite.
Was war es aber dann? Dafür finden sich im Buch zwar Anhaltspunkte, aber Ruch wagt es nicht, sie zu einer erklärenden Erzählung zu verbinden. Stattdessen endet das Buch mit der Erkenntnis, dass wir nicht wissen, wie es zu diesem wundersamen Aufstieg binnen so kurzer Zeit kam. Dieses Nichtwissen überzeugend gezeigt, ja vorgeführt zu haben, ist mit Sicherheit das sokratische Verdienst dieses Buchs.

