Dienstag, März 19, 2013

ode (6) an Kathrin Passig

ich kann mich nicht erinnern, jemals einen schlechten text von Kathrin Passig gelesen zu haben. mehr noch, ich kann mich nicht einmal an einen schlechten tweet oder eine schlechte facebook-status-meldung erinnnern. sie ist deshalb nicht nur die ideale person, um anderen twitter näher zu bringen. an ihrem beispiel lässt sich auch das fav-paradox auf twitter veranschaulichen: zumindest an mir kann ich beobachten, dass ich tweets von jenen menschen, denen ich besonders begeistert folge, weniger häufig favorisiere oder retweete als solche von menschen, die weniger aber immer noch gut twittern. graphisch lässt sich das folgendermaßen illustrieren:


denn eigentlich müsste man bei den wenigen menschen am rechten ende der kurve jeden einzelnen tweet faven. damit würde man sich aber nicht nur als twitter-stalker outen. der einzelne fav würde dadurch auch völlig entwertet.

nicht nur, aber auch deshalb, braucht es diese ode hier, um Kathrin Passig angemessen zu würdigen.

#martensteinern

es gibt auf diesem blog die serie "ode an". eröffnet wurde sie mit einer ode an Harald Martenstein. schon seit längerem finde ich diese allerdings nicht mehr angebracht. stattdessen bin ich für die einführung des begriffs "martensteinern":

Donnerstag, März 07, 2013

altvorstellung VI: "Zur Theoriegeschichte der Betriebswirtschaftslehre"

in der serie altvorstellung (ausführlicher hier) geht es um bücher, die - obwohl vergriffen oder über 30 jahre alt - es wert sind, gesucht (z.b. über ZVAB) und gelesen zu werden.

diesmal: "Zur Theoriegeschichte der Betriebswirtschaftslehre" von Sönke Hundt, das 1977 als erster band der reihe "Mitbestimmung - Arbeit - Wirtschaft" im Bund-Verlag Köln erschienen und inzwischen längst vergriffen ist.
auf die idee zur lektüre dieses bands brachte mich ein student der vorlesung "Grundlagen der BWL für den Studiengang VWL Bachelor", dessen frage nach einer kritisch-ideengeschichtlichen aufarbeitung der bwl ich nicht sofort beantworten konnte. ich bin ihm zu dank verpflichtet, weil mich die darauffolgende recherche zu Hundts buch geführt hat.

ähnlich wie das in der letzten altvorstellung besprochene und vom positivismusstreit geprägte buch "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" von Joseph Weizenbaum, ist ausgangspunkt auch hier eine erkenntnistheoretische debatte der 1960er jahre: die Kuhn-Popper-Kontroverse. Hundt nimmt dabei in seiner rekonstruktion der betriebswirtschaftlichen theoriebildung im deutschland des 20. jahrhunderts eine wissenschaftssoziologische perspektive in Kuhnscher tradition ein. vor allem überzeugt ihn dessen argument, dass die herrschende lehre
"die Geschichte des eigenen Faches in der Weise [schreibt], daß sie ihr Paradigma sozusagen nach rückwärts projeziert und die älteren theorien als ihre eigenen Vorläufer jeweils neu interpretiert, so daß die aktuelle Wissenschaft als der Gipfel des Erreichten und Erreichbaren erscheint." (S. 16)
in einem gerade für sozialwissenschaftliche theoriebildung entscheidenden punkt geht Hundt aber über Kuhn hinaus, wenn er die gesellschaftliche bedingtheit paradigmatischer auseinandersetzungen in der wissenschaft betont. besonders eindrücklich wird das bei Hundts würdigung des werks von Eugen Schmalenbach. dessen wertdiskussion sowie fixkostentheorie versuchte einen beitrag zur (er-)klärung von hyperinflations- und deflationsproblemen zu leisten, mit denen unternehmen im deutschland der zwischenkriegszeit konfrontiert waren. ein zentrales argument Schmalenbachs war beispielsweise, dass die zunahme des fixkostenanteils deflationäre tendenzen verschärft, weil ein hoher fixkostenanteil bei nachfragerückgang strategien der produktionsausweitung impliziert - schließlich werden immer noch deckungsbeiträge erwirtschaftet.

Montag, Februar 11, 2013

altvorstellung V: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft"

in der serie altvorstellung (ausführlicher hier) geht es um bücher, die - obwohl vergriffen oder über 30 jahre alt - es wert sind, gesucht (z.b. über ZVAB) und gelesen zu werden.

diesmal: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" von Joseph Weizenbaum. titel der originalausgabe: "Computer Power and Human Reason. From Judgement to Calculation". vergriffen ist die englische originalausgabe, die deutsche fassung ist noch erhältlich aber alleine deshalb alt genug für diese serie, weil es sich um ein buch zum thema computer handelt.

und tatsächlich ist das buch am rande auch deshalb interessant, weil es zeigt, welche begriffe anfang der 1980er jahre noch alles andere als selbsterklärend waren. so werden beispielsweise "software" und "hardware" jeweils mit einem sternchen versehen und vom übersetzer erläutert. nicht erläutert, sondern übersetzt wurde damals noch das wort "bugs":
"Im Computerjargon ist 'Wanze' ein Programmierfehler."
Weizenbaum zitiert dann auch einen kollegen, der solche wanzen für allgemein vermeidbar hielt, was mich angesichts der übersetzung des zitats bedauern lässt, dass sich wanze nicht als begriff durchgesetzt hat:
"Wahrscheinlich besteht der beste Weg zur Ausschaltung von Wanzen in der Entwicklung wanzenfreier Programmiermethoden. Nichtsdestoweniger sollte das Entwanzen (die Entfernung von Wanzen aus Programmen, J. W.) im Mittelpunkt der Forschungsbemühungen stehen, mit denen wir die Programmiertechnik in den Griff bekommen wollen." (S. 319)
gelesen habe ich das buch, das bereits seit einiger zeit in schön vergilbt-gebrauchter form bei mir zu hause herumlag, aber eigentlich, weil Constanze Kurz es in ihrer FAZ-rezension von "Internet: Segen oder Fluch" als (immer noch) "wegweisend" gelobt hatte. und sie hat völlig recht.

Montag, Januar 28, 2013

twitter-lagerfeuer

bisweilen wird ja die befürchtung geäußert, dass mediatheken und die damit verbundene möglichkeit, fernsehsendungen zeitlich komplett selbstbestimmt und individuell zu verfolgen, den "lagerfeuer"-charakter von fernsehen endgültig zerstören. diese ängste sind teil des kulturpessimistischen narrativs, das internet führe zu einer fragmentierung der öffentlichkeit.

der gestrige sonntag abend, zuerst mit Tatort und danach der #aufschrei-diskussion bei Jauch, hat jedoch demonstriert, dass das keineswegs der fall sein muss. beide sendungen waren im zusammenspiel mit twitter unterhaltsamer bzw. überhaupt erst erträglich. twitter führt also dazu, dass es immer noch bzw. mehr als jemals zuvor sinn macht, sich eine sendung zur selben zeit wie viele andere leute anzusehen. und sich dann über tweets wildfremder leute wie den folgenden zu freuen, die via re-tweet in der eigenen timeline landen:

Samstag, Dezember 01, 2012

fußnotenrekursion

wahrscheinlich mit das beste am buch "Internet - Segen oder Fluch" von Kathrin Passig und Sascha Lobo sind die fußnoten. besonders deutlich wird das an der ersten fußnote in kapitel 14 ("Die Urheberrechthaber"):
"Jeanette Hofmann hat schon 2006 im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung die Textsammlung 'Wissen und Eigentum: Geschichte, Recht und Ökonomie stoffloser Güter' herausgegeben, deren Lektüre die Lektüre aller anderen Texte zum Urheberrecht überflüssig macht. (Eigentlich auch dieses Kapitels, aber wir haben die besseren Fußnoten.)"
wunderschön, diese fußnotenrekursion. und auch inhaltlich ist ihr in jeder hinsicht zuzustimmen.

weitere lesenswerte fußnoten, wenn auch nur im kontext des haupttextes verständlich: 2/3, 5/2, 7/5, 9/10 und 14/8.

Freitag, Oktober 12, 2012

halbvorstellung (2): ‚In Anführungszeichen: Glanz und Elend der Political Correctness ’ von Matthias Dusini und Thomas Edlinger

in der serie halbvorstellung geht es um bücher, die in mancher hinsicht lesenswert sind, denen aber auf halber strecke die luft ausgeht. dieses mal geht es um „In Anführungszeichen“ von Matthias Dusini und Thomas Edlinger (Suhrkamp, 2012).

„In Anführungszeichen“ gliedert sich in zwei teile, einen längeren und lesenswerten ersten teil über „Lautes Leid. Das Opferideal des moralischen Prekariats“ sowie einen kürzeren und eher enttäuschenden zweiten teil über „Narziss als Gott und Dämon der Political Correctness.“

es lässt sich nur darüber spekulieren, wie sehr die beiden autoren beim schreiben arbeitsteilig vorgegangen sind und wer bei welchem teil den lead übernommen hat. klar ist jedenfalls, dass sich die beiden teile nicht nur thematisch und stilistisch unterscheiden, sondern auch in der haltung, die dem gegenstand „Political Correctness“ (PC) gegenüber eingenommen wird.

im ersten teil wird das titelgebende versprechen eingelöst, sowohl glanz als auch elend von PC zu beleuchten. PC und deren kritik beginnt für Edlinger und Dusini erst jenseits von gerichtlich einklagbaren rechten als „soziale[s] und psychosoziale[s] Sprachspiel“ s. 48). nach einer kurzen geschichte des aufkommens von PC und PC-kritik in Europa wagen sich die autoren an die großen PC-themen: antisemitismus, islamkritik, sexismus.

Donnerstag, Oktober 11, 2012

halbvorstellung (1): ‚Schulden: Die ersten 5.000 Jahre’ von David Graeber

in der serie halbvorstellung geht es um bücher, die in mancher hinsicht lesenswert sind, denen aber auf halber strecke die luft ausgeht. den anfang macht das vielbesprochene buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ von David Graeber (Klett-Cotta, 2012).

eigentlich ist Graebers buch über eine polit-ökonomische geschichte von geld und schulden ein schlechtes beispiel für diese Serie, weil es weit über die hälfte hinaus lesenswert, ja horizonterweiternd ist. die ersten 250 seiten sind eine solche schatzkammer an einsichten, überraschungen und irritationen, dass sie alleine schon die anschaffung des 500-seiten-wälzers mehr als rechtfertigen.

grandios, wie Graeber den mythos vom tauschhandel als vorläufer der geldwirtschaft zertrümmert (S. 29). aufschlussreich, wie in mesopotamien bereits tausende Jahre vor Christus regelmäßig schuldenschnitte notwendig waren, um gesellschaftliche fliehkräfte auf grund von überschuldung breiter bevölkerungsschichten in zaum zu halten (S. 65). sehr interessant auch die schilderung von islamischen wirtschaftheorien und der umstand, dass bereits lange vor Adam Smith islamische gelehrte das stecknadelbeispiel als beleg für die vorteile von arbeitsteilung angeführt haben (S. 279). hinzu kommen die formulierungsfreude und die fülle an unterhaltsamen anekdoten, die die lektüre über weite strecken zu einem echten lesevergnügen machen.

umso größer ist dann aber die enttäuschung, als sich Graeber der gegenwart annähert. in der mit abstand besten rezensionen von Graebers buch, die mir untergekommen ist, bringt Till van Treeck das problem der letzten 100 seiten auf den punkt:
„Graeber verkennt, bei aller berechtigten Kritik an den „kapitalistischen Imperien“, das emanzipatorische Potenzial einer keynesianisch inspirierten Marktwirtschaft.“

Samstag, August 04, 2012

kapitalistische praxis IX

diesmal: fast food remix

anlässlich eines konferenzaufenthalts im kernland des kapitalismus wird es wiedereinmal zeit für einen eintrag in der serie kapitalistische praxis. Schumpeter zu folge ist ja die wesentliche quelle für das produktive potential des kapitalismus dessen tendenz zu immer neuen rekombinatorischen innovationen. und ganz im sinne von Kirby Ferguson's "everything is a remix" erstreckt sich diese ständige rekombination auch auf die kapitalistischste form der nahrungsmittelaufnahme: fast food. die oben abgebildete und besonders wohlschmeckende form von fast food remix durfte ich heute in Boston kosten.

Dienstag, Juni 12, 2012

"Unter Piraten"

die piratenpartei ist in deutschland das politische thema der stunde. die beiden politikwissenschaftler Christoph Bieber und Claus Leggewie haben nun einen sammelband zum thema mit dem titel "Unter Piraten" (2012, transcript) vorgelegt. online gibt es davon vorerst nur eine leseprobe bestehend aus einleitung samt inhaltsverzeichnis. aus letzterem habe ich erfahren, dass mein gemeinsam mit Kirsten Gollatz verfasster beitrag "Piraten zwischen transnationaler Bewegung und lokalem Phänomen" (Preprint-PDF) den sammelband quasi eröffnen darf. die zentrale these unseres beitrags hat Christoph Bieber in seiner einleitung treffend in einen satz gepackt:
Der Erfolg der Piraten ist nur unter Berücksichtigung der transnationalen Dimension verstehbar, die auf das Zusammenwirken grenzüberschreitender und lokaler Praktiken national rückgebundener Akteure zurückgeht.
da ich selbst bislang noch kein autorInnenexemplar erhalten habe, kann ich über die mehrzahl der übrigen beiträge wenig sagen. der einzige weitere beitrag, den ich dank kontakt zu einer der autorinnen vorab lesen durfte, war aber so interessant, dass er die anschaffung des werks bereits rechtfertigt. wiederum aus der einleitung: